|
|
Interviewter: Gerhard Dingermann
Geb. 12.07.1915
Sanitätsgefreiter/Priester
Interviewer: Franjo Hülck
Gerhard Dingermann: Am Niederrhein, ja, der immer wieder verschrien wurden, dass wir keine echten Deutschen wären, gerade wir, die an der Grenze wohnten, hatten dabei doch immer etwas Preußisches an uns. Waren immer mit dem Land verbunden. Und so war es für uns auch erschreckend, als damals das Kaiserreich zu Ende ging, und der Kaiser nach Holland floh. Das Schlimmste war aber, dass er eigentlich unser Geld mitnahm, denn dadurch ging ja unser ganzes Geld verloren. Dann kam die Inflation. Und in der Inflation geschah es dann, dass auch unser Geld vollkommen nichts wurde, so dass wir ganz klein wieder anfangen mußten. Vater war in der Zeit dann arbeitslos. Und in dieser Arbeitslosenzeit habe ich dann mal erlebt, wie man bitter sparen mußte, damit man etwas hatte zum Überleben. Einmal in der Woche war nur, wenn wir etwas auf dem Butterbrot bekamen, was man mit Fleisch verwechseln konnte. Ein halbes Viertel mußte ich samstags immer kaufen, ganz hauchdünn geschnittenen Schinkenspeck. Und jeder kriegte dann davon ein halbes Stückchen für alle Butterbrote. Sagte Mutter immer: „So, jetzt könnt ihr soviel Butterbrote davon essen, wie ihr wollt". Es war eine arme Zeit, und so habe ich auch verstanden, als sie damals in der armen Zeit die Leute, die keine Arbeit hatten, suchten. Sie suchten wieder einen ruhenden Punkt, um ihr Leben befristen zu können. Die ganze Jugendbewegung, die auftrat damals, als Junge habe ich das schon so erlebt, wie die Sänger singend durch den Ort zogen, damals mit den Klampfen noch. Das war an sich eine schöne Zeit. Das war nichts Oppositionelles, es war, die Jugend beschäftigte sich selbst. Und diese Zeit, die war gar nicht die Übelste, da waren wir eigentlich am glücklichsten. Diese Zeit änderte sich mit der Zeit, als wieder die Normalität eintrat. Und mit der Normalität gab es unwillkürlich auch das Reichwerden. Es konnte gar nicht anders ausbleiben, als dass man immer mehr haben wollte. Und so erwartete man von jeder Regierung, die auftrat auch, dass man ein Mehr bekam. Aber das Mehr, das man bekam, das ging auch wieder verloren, weil alle Versprechungen sich einfach nicht alle erfüllen lassen. Und weil sie sich nicht erfüllen ließen, gab es immer wieder die Sucht nach neuen Menschen, denen man vertrauen konnte. Und so kam es auch dann, dass es zum Nationalismus kam, der wieder angesehen wurde. Wir waren zwar innerlich nicht damit einverstanden, weil es glaubensmäßig nicht zu uns paßte, weil es kämpferisch war, aber der Kampf gegen die Kommunisten, der tat uns doch irgendwie gut. Es war nämlich damals die Zeit, wo in Mexiko überall die Kommunisten die Geistlichen umbrachten. Und so dass immer dieser Gedanke in uns war: „Die Kommunisten, die sind Gegner des Glaubens". Später im Krieg, als ich mal mit den Rumänen mal in Verbindung kam und mit den Rumänen zusammen gewesen bin im Krieg, da habe ich sogar einen Orden bekommen, einen Orden, weil wir mit ihnen, mit den Rumänen zusammen waren, als Soldat einen Orden in einem Kampf, der sich nannte: „Kreuzzug gegen den Bolschewismus". Als die Rumänen damals wieder absprangen, dann durften wir diesen Orden nicht mehr tragen. Aber erst war der uns als Kreuzzug gegen den Bolschewismus angesehen. Das kann vielleicht auch so der Grundgedanke gewesen sein, der immer im Verhältnis zum Nationalsozialismus war: Der Kampf gegen den Bolschewismus. Der Kampf gegen die Religion. Und ganz besonders wir Katholiken waren auf der Seite, die manchen nicht gefiel, weil man uns nicht zutraute, echte Deutsche zu sein, aber immer wieder sagte, wir wären welche, die mehr ihre Weisungen vom Vatikan aus erhielten als vom Staat. Die meisten Menschen wissen noch, wenigstens zu dieser Zeit jetzt noch, dass damals dann auch in der Zeit der Kaiserzeit noch, nein der Nachkriegszeit, wie das Kirchenamt sein Kirchenvermögen eingezogen wurde. Und so kam es vielleicht auch dazu, dass im Konkordat das wieder alles aufgenommen wurde. Dass man auch die Kirche wieder selbständig ließ, der Kirche die Erlaubnis gab, Steuern einzuziehen, und die Kirche dann davon auch lebte.
Interviewer: Bitte drehen Sie sich etwas zu uns mit der Blickrichtung......
Gerhard Dingermann: 1928 war es, dass ich von einem Ordenspriester, der Salesianer angeworben wurde, zu ihnen zukommen, zu den Salesianern. Ich war noch in der Schule, es war in der Untertertia, und sie hatten ihre Schule in Hessen, und so bin ich dann nach Hessen gegangen und habe dort weitergelernt. Und weil die Schule einfach nicht ein Abitur geben konnte, habe ich die beiden letzten Jahre der Prima, der Unterprima und Oberprima auf dem Gymnasium in Essen gemacht. Und in dieser Zeit entwickelten sich auch gerade die Geschichten auf den Straßen, die Kämpfe zwischen den Kommunisten und den Nationalsozialisten, wie ich in Essen war. Gegenüber von uns, da war so eine Straße, so eine kleine Straße, die Spielstraße nannten wir sie. In dieser Spielstraße wohnten nur kleine Bergleute, arme Leute, Kommunisten, nannten wir sie damals. Und dazu dann immer Gruppen von Nationalsozialisten, die aufkamen, und es gab die Kämpfe draußen. Unsere Einstellung war etwas anders. Wir hatten damals die katholische Jugend, mir fallen die Namen gerade nicht mehr ein, die Vereine, wie sie alle hießen. Auf jeden Fall waren auch bei uns, weil gerade die Salesianer sich um die Jugend kümmerten, immer wieder diese Jugendlichen vorhanden, die aber sich ganz und gar nicht damit eingemischt haben. Die ganz neutral dazu waren. Wir waren eigentlich nur dazu da, um die Jugend aufzunehmen. Als ich dann später zum Abitur hinkam, zum Gymnasium hinkam, da war schon der Nationalsozialismus schon eingetreten. Und auf dieser Schule gab es dann schon die Einteilung der Leute, die zum Nationalsozialismus gehörten, und die nicht dazugehörten. Ein Teil der Schüler kam in Uniform zur Schule hin, und ein Teil der Lehrer war ganz streng nationalsozialistisch. Und da war die Einstellung dazu von vornherein oppositionell. Nicht dass man irgendetwas gegen diese Leute gehabt hätte, aber die grenzten sich schon etwas ab durch ihre Uniform. Und wie es so bei Jugendlichen ist, wir waren von vornherein dafür da, einfach jetzt mal kontra zu sein. Und denn als Kontra, habe ich dann das noch ausgenutzt, und war dann in der Klasse manchmal so ein bißchen der Mann, der Mann so, der alle zum Lachen bringen konnte. So kam der Kampf des Nationalsozialismus um uns, gleichsam um die Seele der jungen Menschen schon da drauf. So weit ging das, dass die Aufsätze danach beurteilt wurden, ob man nationalsozialistisch eingestellt war oder nicht. Und wenn ich etwas Böseres geschrieben hatte, wurde ich dann zum Rektor gerufen, der mir dann sagte in seiner liebenswürdigen Art: „Junger Mann, so etwas können Sie denken, aber das dürfen Sie nie schreiben!"
Und dann hatte ich auch noch, bei dem Nationalsozialismus da war ganz besonders wichtig, das Wichtigste war ja der Sport, und ich war im Sport nun gar nicht so ganz groß, weil ich keine Gymnastik konnte, konnte nicht am Reck, konnte nicht am Barren, fiel immer durch, ich hätte das nie bestanden. Und da habe ich dann einfach ohne etwas vorweisen zu können, dann damals ein Sportabzeichen gemacht, aber nicht das richtige Sportabzeichen, sondern das, was für die Zeit besonders wichtig war, das SA-Sportabzeichen gemacht. Und dann sagte mir später der Oberstudiendirektor, sagte mir dann später: „Düngermann", sagt er, „Düngermann, weil Sie so einen großen Orden haben, darum hat man Ihnen nur eine gute Note geben können im Sport". Das war einfach nur eine ganze Scherzgeschichte, dass man so durchkam. Und so hat man sich so durchgewurschtelt in der ganzen Zeit.
Aber dann kam das Studium, erlebte dabei, wie Österreich zu Deutschland kam, erlebte dabei wie die Soldaten von Österreich herüberkamen, die noch geschmückt waren, wie die Husaren das eben sind, die schon die karge Uniform wieder ankriegten, die also sich geändert hatten. Ich merkte, dass man sich ändern mußte, dass man geändert werden sollte und die Opposition innerlich, die stieg an. Ich habe immer wieder bewundert dann die alten Soldaten und nicht die neuen Soldaten. Später wurde ich selbst Soldat, aber Soldat insofern, dass ich ja Sanitäter wurde. Wenn ich Sanitäter wurde, und das war gerade während des Krieges 1940, 41, während dieser Zeit habe ich nochmal wieder Studium gehabt und bin dann zum Priester geweiht worden und kam dann von dort aus späterhin wieder an die Front, wo sie hinterher hinkamen, und dann habe ich erlebt, dass ich mir selbst sagte: „Was bist du denn jetzt eigentlich, bist du jetzt Soldat oder bist du Priester?" Ich war gar kein Priester, ich war ja Soldat, kein Mensch sah in mir den Priester. Und was konnte ich als Priester? Ich konnte doch nichts. Ich konnte noch nicht einmal die Messe feiern. Ich kam mir ganz komisch vor. Bis auf ein Mal, das war dann ein oder zwei Jahre später, habe ich dann auf dem Hauptverbandsplatz mal erlebt. Dass ich über den Hauptverbandsplatz gerade lief, weil ich etwas zu besorgen hatte, und auf einmal wurde ich angesprochen, da kam der verwundete Soldat zu mir hin und sagte: „Kamerad", sagte er, „du bist doch ein Pfarrer." Ich guckte den an und wußte gar nicht, warum ich kein Pfarrer sein sollte, woran er mich denn erkannt hatte. Aber dann sagte er: „ Wenn du ein Pfarrer bist, dann muß ich dir mal was erzählen." Dann hat er sich ausgesprochen. Und worum es geht, das möchte ich nicht sagen, aber ausgesprochen. Und dann habe ich gemerkt, was meine Aufgabe war im Krieg. Meine Aufgabe war, offen zu sein für meine Kameraden, die alles, was sie bedrückte, mir sagen wollten. Weil sie irgendwo ein Ventil haben mußten, damit es sie nicht weiterhin bedrückte. Und das ging von zu Hause bis in den Krieg hinein, was sie mir erzählten, bis all die Sorgen, die sie auch hatten und auch nicht wußten, wohin und woher es einmal gehen wird. In unseren Einheiten waren wir eigentlich ziemlich neutrale Einheiten. Ich habe nie von meinen Offizieren damals in der Zeit irgendetwas gehört pro oder kontra Nationalsozialismus. Aber ich hatte immer das Gefühl, sie waren im Grunde kontra. Sie liebten zwar ihre Heimat, liebten zwar, auch wenn sie ihren Glauben hatten so ähnlich wie ich, dass man gegen den Kommunismus war. Aber wahrhaftig nicht, liebten sie den Krieg. Mir haben manche Offiziere dann ihr Leid mal geklagt und haben das gesagt, was für sie so grausam an diesem Krieg war. Besonders, wenn sie es erlebt hatten, wenn sie es gesehen hatten.
Darlowo, das ist ein kleiner Ort, den ich nie vergessen kann, der oft wieder in meinen Gedanken hochkommt. Darlowo. Dort auf dem Bahnhof, wo wir standen, da kam ein Zug, ein Güterzug, der fuhr auf. Heiß war es und in diesem Güterzug, da waren Menschen drin eingesperrt. Menschen, von denen wir späterhin erfuhren, dass es Juden waren. Und Rumänen begleiteten diesen Zug. Und in diesem Zug, da erlebten wir erstmal einmal, wenn wir ihn von weitem doch sahen, dass oben aus diesen Fensterchen, die da oben drin waren, den Gitterfensterchen, Leute an Schuhsenkeln geknüpfte Taschentücher runterließen bis auf den Boden, damit wenigstens, wo eine Pfütze war, Wasser war, das sie da ein wenig heraufziehen konnten. Auch das wurde diesen Leuten, die da drin waren, verboten. Denn es kamen rumänische Offiziere mit dem Säbel. Wehe, wenn sie irgendeine Hand sahen, dann schlugen sie mit dem Säbel danach. Wir erfuhren, und das ganz besonders auch unsere Offiziere, weil die ja mehr wußten als wie wir, die aller ersten, die das erfuhren, dass dieser Zug ganz und gar mit Juden beladen war. Und dass in diesem Zug so viele schon gestorben waren unterwegs, dass die Leute auf den Toten standen, weil nirgendwo mehr Wasser rausgelassen wurde. Wir haben damals unsere Offiziere bedrängt, und die Offiziere haben selbst das unter sich ausgemacht auch schon, dass sie hingegangen sind, haben gesagt: „So etwas kann doch nicht sein, man kann doch nicht so mit Menschen umgehen." Und dass sie gezwungen haben, wenigstens die Türen zu öffnen, wenigstens die Toten alle rauszulassen. Und ich habe selbst gesehen, wie wagenweise diese Toten weggefahren wurden, es müssen unheimlich viele in einem Wagon drin gewesen sein. Die Toten weggefahren worden und abgefahren worden. Was mit ihnen weiter geschehen ist, weiß ich nicht. Das war das Einzige, was wir dabei machen konnten, wir waren hilflos doch. Wir haben aber immer wieder gedacht, das kann uns nicht passieren. Da ging es so wie ein Schrecken über uns her, dass wir sagten: „Was ist denn da los? Wer tut denn das?" Und es waren nicht Deutsche, es waren Rumänen . Und wir haben immer noch gemeint, dass sind die Rumänen, die das tun, die Rumänen, die jetzt hier gegen die Juden vorgehen. Wir haben nie geglaubt in dem Augenblick, dass es andere waren. Dass es von uns war. Das kann nur diesen Leuten passieren, den Rumänen und diese Rumänen, die waren dann unsere Kampfgenossen späterhin, die mit uns zogen. Und weil sie mit uns zogen, darum erhielt ich auch von ihnen, alle Soldaten waren es, die da mitgezogen sind, den Orden „Kreuzzug gegen den Bolschewismus". Innerlich kam dann doch wieder das Gefühl, wir sind uns einig, wir ziehen gegen den Bolschewismus. Wir wußten nicht, was eingentlich dahinter steckte. Der Nationalsozialismus spielte keine Rolle für uns, für uns spielte die Rolle, was wir Soldaten sollten. Da wurden wir eines Besseren gelehrt. Eines Besseren damals auf der Krim. Auf der Krim habe ich erlebt, dass ein Offizier bei uns eingeliefert wurde in unser Lager, in unser Sanitätslager, ein Offizier aus der SS. Dieser Offizier aus der SS wurde mit seinem Leben nicht mehr fertig. Er war nicht äußerlich verwundet, sondern innerlich verwundet. Und er erzählte dann, dass er miterleben mußte, wie Juden zusammengeführt wurden, wie sie vor einem großen Graben stehen mußten, ausgezogen, und wie sie dann der Reihe nach erschossen worden mit Nackenschüssen. Da habe ich es geglaubt, dass das, was man so flüsterte, so subkutan, so ungefähr so ein bißchen, so überall herumsprach, dass das Wirklichkeit war. Späterhin entwickelte sich dann im Krieg das Wissen. Und das Wissen zog gleich mit sich nach, dass wir uns in einer Zwickmühle befanden. Ich kann das gar nicht sagen, was für ein Gefühl wir hatten. Ich selbst habe oft mit Kameraden darüber gesprochen: „Was sollen wir denn jetzt? Sollen wir denn jetzt gewinnen oder sollen wir verlieren den Krieg? Wenn wir ihn gewinnen, dann bleiben wir ewige Soldaten, wenn wir ihn verlieren, dann geht es uns sauschlecht, dann machen uns die Russen total fertig." Ein Tempo war es ja, wenn die Kämpfe waren, dann war es ja schlimm. Wenn die Kämpfe waren, dann mußte es ja hollerhop gehen. Da wurde ja auch nichts mehr besonderes gemacht. Da wurde operiert, welche schon welche operiert. Ich habe mal einen Offizier erlebt, das war allerdings einer, der uns zugeteilt worden war, damit er noch einen Orden erhalten konnte, einen, der sonst nur in der Heimat war, damit er das Eiserne Kreuz bekommen konnte, deswegen wurde er dann dazu hingeschickt auch noch bei uns zu sein. Der sagte: „Wir haben mal einen operiert, Bauchschüsse hatte er. So, sagte er bei der Operation, das habe ich jetzt erledigt und wenn der noch mehr Schüsse hat, mehr Risse hatte, dann stirbt er sowieso, jetzt nähen wir ihn wieder zu." Also, so leichtsinnig waren oft welche. Aber das war nicht das Tiefste. Wir haben an sich mit den jungen Menschen mitgelitten. Und meine Offiziere haben, wenn es irgend ging, sind sie sogar hingegangen und haben gesagt: „Düngemann, kommen Sie mit dabei." Ich hatte nichts damit zu tun an sich in den Operationssälen. „Kommen Sie mit!", sagten sie. Ich habe immer öfter, nicht immer, aber öfter dabeigestanden bei so Operationen und habe ihnen die heiligen Sakramente gegeben, so dass das gar nicht so im Allgemeinen auffiel. Aber sonst waren die Verwundeten in einem ganz großen Raum, den wir einmal besetzt hatten, einen früheren Schulraum oder was das war, es war ja schon alles auf den Rückmarsch in dieser Zeit, wo wir schon fast nicht mehr in Rußland waren. Da erlebten wir, dass so viele da waren, und die Jungens unter sich einander gegenseitig helfen mußten. Dass einer andauernd immer laut betete Vaterunser, immer laut, ganz laut in dem Saal drin Vaterunser. Und wenn er das Vaterunser zu Ende hatte, dann fing er wieder von vorne an. Die hatten uns schon mal gesagt: „Halt die Schnauze", das sagten einige. Der fing immer wieder an zu beten. Und da war es für mich wichtig, dass ich eine Anlaufstelle war, da hatte ich inzwischen was gelernt, dass ich eine Anlaufstelle war für Menschen, die sich ausreden konnten. Ich konnte weniger Verwundete heilen, als Seelenwunden heilen. Mir konnten sie ihre Not klagen, weil sie sonst niemanden hatten, dem sie etwas sagen konnten, vertrauten sie, sogar die Offiziere vertrauten mir dann.
Interviewer: Wie kann man sich das vorstellen. Wenn man sehr schwer verwundet ist, geht er zurück in seine Kindheit, erzählt er von seiner Mutter, von seinen Eltern? Was kommen da für Bilder, was entsteht da in einem Menschen?
Gerhard Dingermann: Kann ich Ihnen leider nicht sagen, was entsteht, was für Bilder. Es ist ja auch oft die Sinnsuche. Aber zuerst, die sehen ja immer wieder, das Erste, das Wichtigste war ihnen ja immer wieder geheilt zu werden. Ich habe zum Beispiel, wurde ich auch wieder wiedergeholt. Da war ein junger Kamerad, den hatten sie schon da abgelegt, sagten sie mir: „Der, der stirbt jetzt, da können wir nichts mehr dran machen." Zu dem bin ich hingekommen und habe gesagt: „Kamerad, hör mal, ich bin Priester, kann ich dir irgendwie behilflich sein, kann ich dir die heiligen Sakramente geben?" Der dann lautlos schrie: „Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben!" Den ich denn so weit gekriegt habe, dass er dann auch sein ja dazu sagte zum Sterben, wußte, es ging nicht mehr. Aber sonst waren die ja zu schnell wieder weg. Die wurden ja operiert und immer wieder weggeschickt, immer wieder weiter. So dass sie ja nie bei uns blieben, das waren ja nur kurze Augenblicke, wo ich die Leute hatte, und wo ich mit denen sprechen konnte. Und das Wichtigste war für sie immer wieder: „Was meinst du, geht es mir gut, kann ich wieder gesund werden? Die anderen sagen mir nichts." Oder sagen, das und das möchte dir noch sagen, das und das, die Schwierigkeiten habe ich noch. Die ich jetzt nicht so sagen kann und auch nicht sagen will. Was sie mir alle offenbarten, was sie auf dem Herzen hatten, dass das nochmal einmal runterkam, damit sie nicht mit all dieser Last sterben mußten. Wir konnten eigentlich nichts anderes, als uns einmal den Gegebenheiten hingeben, die waren. Es ging ja gegen Ende des Krieges so weit, dass wir das miterlebt hatten, wenn wir wieder zurückgingen, wo all die Leute damals ausziehen mußten. Wir waren von Süden, wo wir auf der Krim aufgezogen waren, bis hinterher oben nach dem Norden hingekommen bei Danzig, waren bei Königsberg, zwischen Danzig und Königsberg und erlebten da mit, wie damals schon die Leute alle wegziehen mußten.
Interviewer: Die Flüchtlinge...
Gerhard Dingermann: Flüchtlinge waren das, Flüchtlinge wurden, nicht waren, sie wurden Flüchtlinge, sie wurden ja gezwungen mit ihren Wagen wegzufahren. Das ging weiter, dass wir selbst nichts anderes mehr auf unseren Tun hatten, als selbst fliehen, selbst sehen, wie wir zurückkommen. Und so schlimm war es, dass wir selbst die Toten liegen lassen mußten unterwegs. Ich kam an Gräben vorbei, wo die toten Soldaten lagen. Und ich habe noch versucht manchmal, dass ich wenigstens die Marke da wechseln konnte. Die hatten ja alle diese Kleinmarken, diese, wo die Nummern draufstanden, die ich abbrechen konnte, damit irgendwo später einmal Mama oder Papa Nachricht kriegte. Aber das hat auch gerade nicht mehr geholfen, mußten alle liegenlassen, sind ja selbst nur geflohen.
Bis wir dann am Schluß des Krieges nach Hela kamen. Hela, ich weiß noch genau, dass wir am 1. Mai 1944, 44 oder 45, 45 war das, am 1. Mai 45 auf Hela übernachtet haben. Und dann am nächsten Tag wieder mit einem Pionierlandungsboot mit so kleinen Pramen da weiter wieder gefahren sind. Sind über Bornholm nochmal gefahren bis nach Kopenhagen hin, wo wir interniert wurden. Das war unsere ganze Flucht und damit war, wenn ich das so sagen darf, eigentlich von uns, das was ich mal später dann gesagt habe, als ich aus dem Kriegsgefangenenlager nach Hause entlassen wurde, und mein Bruder mich abholte bei Weeze: „Jetzt ist die ganze Scheiße zu Ende!" Das war so das Aufleben. Und dieses Aufleben, das wurde immer wieder zerstört von dem, was uns begegnete. Das ist für mich prägend gewesen späterhin, dass ich zum Beispiel, als wir, bevor wir entlassen worden, bevor wir aus dem Kriegsgefangenenlager entlassen worden, immer noch einmal Offizieren, Verhöroffizieren, vorgestellt wurden. Und diese Verhöroffiziere, die alle aus Deutschland früher mal weggegangen waren, teilweise jüdischer Abstammung, die waren dann die uns befragten. Die fragten nach allem Möglichen, von dem ich gar keine Ahnung hatte. Ich kann mich noch entsinnen, dass der Offizier denn noch sagte, ich müßte meine Arme hochheben und anzeigen, was ich unter den Armen hätte. Ich sagte: „Was soll ich denn unter den Armen haben?" „Ja", sagt er „da ist doch die Blutgruppe eingetragen, wenn Sie bei der SS gewesen sind oder so was." Ich sagte: „Da habe ich noch nie was von gehört." Also, ich wollte das nur einmal sagen, es gibt viele Dinge, von denen man nie was gehört hatte und nie was gewußt hat. Und was mich störte war, ich sagte diesem Offizier hinterher. Ich sagte: „Jetzt bin ich hier hergekommen, jetzt fragen Sie mich aus. Jetzt habe ich gedacht, jetzt hast du endlich die Freiheit. Jetzt müßtest du aufleben. Und Sie", habe ich ihm gesagt, „Sie hätten doch eigentlich jetzt mir sagen können, siehst du, jetzt ist für dich auch jetzt wieder die Freiheit gekommen. Nein, ich war einfach ein Nazi.
|
|